Eine kurze Geschichte der Wirtschaftsmaße I: 1650 – 1850

By | November 3, 2021

Unser Konzept von „Wirtschaft“ hat sich im Lauf der Zeit gravierend geändert. Das, was wir unter Wirtschaft verstehen, ändert sich mit der Wirtschaftsstruktur, mit gesellschaftlichen Normen, mit spezifischen Herausforderungen (z.B. Kriege, Umwelt) und mit den Interessen der Regierenden. Daten und Indikatoren spielen in unserem Verständnis von Wirtschaft und deren Veränderung eine zentrale Rolle. Das Design von Wirtschaftsindikatoren bestimmt, welche Aspekte des Wirtschaftslebens wir wahrnehmen und welche nicht.

Wissen über die Geschichte der Wirtschaftsstatistik ist notwendig, um die unterschiedlichen Wirtschaftskonzepte und dazugehörigen Maße zu verstehen. Auch um das Bruttoinlandsprodukt (BIP) korrekt zu interpretieren, sollte man wissen, zu welchem Zweck es überhaupt entwickelt wurde. Die Einbettung in die Geschichte macht die Vorteile und Schwachpunkte von Wirtschaftskonzepten und den dazugehörigen Maßen besser verständlich. Dadurch erhält man auch ein besseres Verständnis für den aktuellen Diskurs. Zum Beispiel für die Kritik der Degrowth-Bewegung an BIP-Wachstumskonzept oder für die Beyond-GDP Initiativen und deren Vorschläge für alternative Wirtschaftsmaße.

Daten definieren „Wirtschaft“

Die für uns relevante Geschichte der Wirtschaftsstatistik beginnt im 17. Jahrhundert.  Mit der Aufklärung wurden auch in Wirtschaftsfragen die Autoritäten zunehmend in Frage gestellt. Die Bürger forderten einen größeren Einfluss auf wirtschaftliche Entscheidungen und es entstanden heftige Debatten über Wirtschaftspolitik. Zunehmend wurden Daten zum Erkenntnisgewinn und zur Argumentation verwendet. Damit wurden Wirtschaftsdaten auch zu einem Machtinstrument. In Zahlen abgebildete Aspekte der Wirtschaft werden sichtbar. Daten bestimmen, was genau wir unter Wirtschaft verstehen.

Die letzten 3 Jahrhunderte lassen sich in Abschnitte unterteilen, in denen “Wirtschaft“ jeweils auf eine ganz spezifische Weise definiert und gemessen wurde. Die Wirtschaftsstatistik bewegte sich in dabei im Spannungsfeld von drei grundlegenden Fragestellungen: (1) Staatsfinanzierung: Wie lassen sich staatlicher Ausgaben finanzieren, insbesondere Kriegsausgaben? (2) Wachstum: Wie lässt sich die Produktionsleistung eines Landes steigern? (3) Wohlstand: Wie hoch ist der wirtschaftliche Wohlstand? Wirtschaftskonzepte und die dazugehörigen Daten wurden immer auf eine dieser Fragen abgestimmt.

Kein Konzept und kein Datensatz kann alle relevanten Aspekte der Wirtschaft erfassen, es gibt sogar einen ausgeprägten Zielkonflikt. Schließlich haben Kriegsausgaben üblicherweise keinen positiven Effekt auf die nicht-militärische Produktionsleistung und Wohlstand. Manche der im BIP erfassten Steigerungen der Produktionsleistung gehen mit der Zerstörung der Umwelt einher und hohen negativen Konsequenzen für langfristigen Wohlstand. Es gibt „die Wirtschaft“ nicht. Jedes Konzept umfasst bestimmte Aspekte unseres Wirtschaftslebens.

Der Krieg als Vater der Wirtschaftsstatistik

Der Krieg ist der Vater aller Dinge – zumindest auf die Wirtschaftsstatistik trifft das zu. Vor dem 17. Jahrhundert spielte das Vermögen des Monarchen eine zentrale Rolle als Wirtschaftsmaß. Unter anderem, weil damit Kriege finanziert werden konnten. Doch ab dem 17. Jahrhundert rückte Vermögen des Monarchen in den Hintergrund, der Fokus änderte sich auf die laufenden Einkommen und die Möglichkeiten zu deren Besteuerung. Üblicherweise, um damit kriegsbedingte Löcher in den Staatskassen zu füllen.

Die frühen Entwicklungen der Wirtschaftsstatistik wurden daher hauptsächlich von Staatsangestellten vorangetrieben, wobei die Frage nach der Besteuerung und Steuerleistung eine zentrale Rolle spielte. William Petty (England, 1683-1687) versuchte als einer der ersten, Einkommen systematisch zu erfassen. Eine seiner Aufgaben unter Oliver Cromwell war die Bewertung von Land im besetzten Irland, von dem ein beachtlicher Teil in seinen eigenen Besitz überwechselte. Petty betrachtete Daten als maßgebliche Entscheidungsgrundlage, auch für seinen eigenen Besitz, aber vor allem für den Staat. Er nannte sein Konzept der Wirtschaftsstatistik „Politische Arithmetik“. Petty behielt auch nach dem Sturz Cromwells einflussreiche Positionen. Um die leeren Staatskassen zu füllen, schlug er vor, die Kaminsteuer durch eine Einkommenssteuer zu ersetzten. Dazu entwickelte er eine Kontensystem, in dem er laufende Einkommen erfasste, um damit die Möglichkeiten zur Besteuerung aufzuzeigen und deren Höhe abzuschätzen.

Einige der erstaunlichsten Beiträge zur frühen Wirtschaftsstatistik stammen von Gregory King (England, 1648-1712). Die Frage nach der Besteuerung dürfte auch bei ihm eine Rolle gespielt haben. Er war ebenfalls Angestellter des Staates und Berater der Regierung. Unter anderem war er zuständig für Steuern auf Geburten, Eheschließungen und Begräbnisse. Doch seine Arbeit ging weit darüber hinaus und bestand aus einer umfassenden Darstellung der Demografie und Wirtschaft, für die er die Steuerdaten geschickt nutzte. Dazu gehörten Schätzungen von Einkommen für England und Schottland. Aufgrund der Art wie die Daten erhoben wurden ermöglichten sie eine Unterscheidung nach sozio-ökonomischen Gruppen. Mit seinen Methoden und Konzepten war King seiner Zeit weit voraus: doppelte Buchführung, Ländervergleiche (England, Holland und Frankreich), Veränderungen über die Zeit (1688-1695). Er schätzte sogar die Weltbevölkerung und entwickelte rudimentärer ökonometrische Konzepte die Abschätzung des Zusammenhangs zwischen Ernte und Getreidepreisen.

Die Arbeiten von King wurden erst über Charles Davenant (England, 1656-1714) bekannt, der über größeren politischen Einflusses verfügte. Davenant war Parlamentsabgeordneter und hatte Führungspositionen in der Zoll- und Steuerverwaltung inne, und damit auch Zugang zu den damit verbundenen Informationen. Die Frage nach Steuern und Staatsfinanzierung spielte bei Davenant ebenfalls eine zentrale Rolle, eine seiner wichtigsten Publikationen hatte den bezeichnenden Namen „An essay upon the ways and means of supplying the war“. Davenant plädierte, ähnlich wie Petty, für eine Besteuerung der Einkommen und schätzte das potenzielle Aufkommen über die Ausgaben der Bevölkerung. Eine fast logische Erweiterung der Fragestellung sind Ländervergleiche. Davenant nutzte auch Kings Ergebnisse und erstellte Einkommens-Konten für England und dessen Handels- und Kriegsrivalen Frankreich und Holland. Die Funktion von Einkommensdaten als eine Art Wohlstandsmaß tauchte in diesen Arbeiten bereits auf.  So stellte Davenant in diesen Arbeiten fest, dass die Situation der gewöhnlichen Bevölkerung in Frankreich schlechter war als in England, da sie mit hohen Steuern belastet wurden, um die sehr hohen Kriegsschulden zu bedienen.

Die Beiträge dieser Pioniere der Wirtschaftsstatistik können gar nicht hoch genug geschätzt werden. Es mussten ja erst Methoden und Konzepte entwickelt werden, um Daten zu schätzen, darzustellen und interpretieren zu können. Die Überzeugung, dass Daten Entscheidungen verbessern können, die Entwicklung konsistenter Konzepte mit einem der Fokus auf Produktion und Einkommen waren zweifelsohne Meilensteine in der Entwicklung der Wirtschaftsstatistik und des Konzeptes von „Wirtschaft“ wie wir es heute verwenden.

Staatschulden und Finanzblasen

Mit der Entwicklung des Papier- und Kreditgeldes und die damit verbunden Preisblasen und Wirtschaftskrisen wurde rückte Verschuldung stärker in den Mittelpunkt der Wirtschaftsstatistik. Die Problematik der Kriegsschulden war bereits Thema in den Arbeiten von Davenant. Doch die Verwendung von Papier- und Kreditgeld erleichterten die Verschuldung ganz wesentlich, und das wurde auch exzessiv genutzt.  Schuldentitel wurden in England zunehmend als Papiergeld verwendet und es diente auch der neugegründeten Bank of England als Pfand für die Ausgabe des eigenen Papiergeldes. Damit wurde es sehr leicht die Geldmenge zu inflationieren, wobei auch verbrecherische Methoden dafür genutzt wurden. So warten sowohl die Südsee-Kompanie in England als auch die Mississippi-Kompanie in Frankreich nur vordergründig Handelsunternehmen. Mit dem Geld aus Aktienverkäufen wurde vor allem Staatsanleihen und Monopolrechte gekauft, weniger in Unternehmungen investiert. Es handelte sich eigentlich um Vehikel um Staatschulden zu finanzieren. Klarerweise wurde den Aktionären dann bald bewusst, dass den „Schein“-Vermögen keine echten Werte zugrunde lagen.   

Das Platzen dieser frühen Preisblasen und die nachfolgende Rezession führte dazu, dass Verschuldung als wichtiger Aspekt auch in Wirtschaftsdaten abgebildet wurde, zumindest vorübergehend. Um die Schuldentragfähigkeit und das gute Wirtschaftsmanagement zu demonstrieren, ließ Englands Premierminister Walpole regelmäßig Verschuldungskonten erstellen, um zu sein gutes Wirtschaftsmanagement zu demonstrieren. Während meist der Staat von der Bevölkerung Daten sammelt, handelt es sich hierbei um eine Verwendung von Daten zur Information der Bevölkerung über das Gebaren des Staates. Belohnt wurde Walpole mit relativ niedrigen Zinsen auf Staatsanleihen und damit mit höherem fiskalpolitischen Spielraum, der unter anderem für eine Senkung der Grundsteuern genutzt wurde (http://www.histparl.ac.uk/periods/hanoverians/walpole-and-national-debt).

Wachstum und industrielle Revolution

Die langfristige Steigerung der Produktionsleistung war das zentrale Thema der Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftsstatistik im 18. Jahrhundert. Adam Smiths (1723-1790) „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations” ist eines der bekanntesten und einflussreichsten wirtschaftswissenschaftlichen Bücher aus dieser Zeit. Er beschreibt zum Beispiel sehr illustrativ die Spezialisierung und Arbeitsteilung als wesentlicher Grund für Produktivitätsgewinne. Bekannt ist auch seine Beschreibung von Märkten als Koordinationsmechanismus – die unsichtbare Hand. Im 18. Jahrhundert entwickelte sich bereits ein umfangreiches theoretisches Verständnis, wie wirtschaftliche Prozesse funktionieren.

„Die Vergangenheit ist ein fremdes Land, man macht die Dinge anders dort“ (L. P. Hartley)

Dienstleistungen sind unproduktiv – zumindest für die wirtschaftlichen Fragestellungen des 18. Jahrhunderts. Smith hatte durch seine Definition von Produktion maßgeblichen Einfluss auf die Wirtschaftsstatistik und das zugrundeliegende Konzept von Wirtschaft. Er betrachtete Dienstleistungen als unproduktiv und nicht als Teil der Wirtschaft. Das macht in seinem Kontext durchaus Sinn. Wir befinden uns am Beginn der industriellen Revolution und den damit verbundenen, enormen Produktivitätssteigerungen. Diese wurden durch die Produktion von Gütern, vor allem Kapitalgütern getrieben. Für langfristige Steigerung der Produktionsleistung spielten Dienstleistungen keine Rolle, und wurden konsequenterweise in Wirtschaftsmaßen nicht inkludiert. 

Daten als selektive Brille

Was können wir aus der Frühgeschichte der modernen Wirtschaftsstatistik lernen? Daten und die dahinterliegenden Konzepte sind eine Art Brille, mit der gesellschaftliche Entwicklungen sichtbar gemacht werden und welche maßgeblichen Einfluss auf Entscheidungen haben. Diese Brille ist jedoch sehr selektiv und hebt manche Aspekte hervor und versteckt andere. Das genaue Konzept von Wirtschaft und die Daten and die Fragen der jeweiligen Zeit angepasst. Es gibt nicht „die Wirtschaft“. Was genau wir unter „Wirtschaft“ verstehen, welche Aspekte wir als relevant betrachten, und wie wir sie messen, muss sich mit der Zeit ändern und den Herausforderungen jeder Epoche anpassen. Nur dann können Daten auch ihren Zweck erfüllen und nicht nur Entscheidungen legitimieren, sondern Informationen liefern, um diese auch zu verbessern.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich dann ein ganz anderes Konzept von Wirtschaft, in dem versucht wurde, mit Wirtschaftsdaten und -Indikatoren den Wohlstand der Bevölkerung abzubilden. Aber das erfordert einen eigenen Post und kommt in den nächsten Wochen. 

Literatur

Der Post orientiert sich stark an Benjamin Mitra-Kahns „Inventing the economy“. Er spannt einen Bogen vom Beginn der modernen Wirtschaftsstatistik bis zur Entwicklung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ca. 1940 und stellt die Veränderung der zugrundeliegenden Wirtschaftskonzepte in den Vordergrund.

Ein Überblick über die frühe Geschichte der Wirtschaftsstatistik und Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung findet sich auch in Vanoli, „A History of National Accounting“. Leider gibt es dieses Buch nur über Fernleihe aus ausgewählten Bibliotheken oder zu einem unerschwinglichen Preis.

Julian Hoppit bietet einen Überblick über „Political Arithmetic in Eighteenth-Century England