Das 21. Jahrhundert braucht ein neues Wachstumskonzept: Wie Innovationen das BIP senken und Wohlstand steigern

By | November 20, 2020

Die gezielte Vermeidung von Wirtschaftswachstum kann Lebensqualität und wirtschaftlichen Wohlstand fördern. Diese Aussage scheint paradox. Doch viele wohlstandssteigernde Innovationen senken das mit dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) gemessene Wirtschaftswachstum. Umgekehrt enthält Wirtschaftswachstum auch Produktionssteigerungen, die mit höherem Wohlstand nichts zu tun haben.

Im BIP wird die Produktion von Gütern und Dienstleistungen zu deren Markt- oder Herstellungspreisen erfasst. Beide Preise bilden vor allem Herstellungskosten ab. Innovationen, die es ermöglichen Bedürfnisse mit geringeren Kosten zu befriedigen, senken daher das BIP und dessen Wachstum. Im Grunde misst das BIP den Produktionsaufwand zur Befriedigung unserer Bedürfnisse, es misst nicht, wie gut wir es schaffen.

„Degrowth“ durch Produktinnovation

Kostensenkende Innovationen in Form neuartiger Güter steigern unseren Wohlstand, senken aber das BIP.[1] Die Digitalisierung führte zu einer ganzen Reihe solcher kostensenkenden Innovationen. Online Banking ersetzt rund um die Uhr verfügbar Filialmitarbeiter, Netflix Millionen privater Videosammlungen, Wikipedia die veralteten Lexika, die früher in fast jedem Haushalt zu finden waren. Ähnliche Innovationen gibt es im Medizinbereich, wo neue Medikamente und Methoden kostspielige Behandlungen ersetzen und die Lebensqualität der Menschen massiv verbessern. Diese Innovationen werden im Wirtschaftswachstum nicht abgebildet, da sie die Kosten verringern. Ein modernes Maß für ökonomischen Wohlstand darf sich nicht am Produktionsaufwand orientieren, sondern sollte Wohlstandsgewinne für Verbraucher direkt erfassen.

„Degrowth“ durch innovative Politik

Auch innovative Politik ermöglicht uns, Bedürfnisse mit niedrigeren Kosten und geringerem Produktionsaufwand zu befriedigen. Neben Wohlstand wird damit auch eine ökologisch nachhaltige Wirtschaftsweise und soziale Teilhabe gefördert. Ein gutes Beispiel für das Potential solcher Politik ist die Raum- und Verkehrsplanung. Fast ein Fünftel des privaten Konsumausgaben entfällt auf Mobilität, dazu kommen staatliche Ausgaben für den Ausbau und Erhalt der Verkehrsinfrastruktur. Zu diesen Kosten kommen noch der Platzbedarf, Abgase und Lärm, CO2-Emissionen sowie die negativen Konsequenzen der Bodenversiegelung. Dabei leistet Mobilität keinen direkten Beitrag zu unserem Wohlstand. Wie ziehen schließlich den Nutzen daraus, in der Arbeit, zu Hause oder im Urlaub zu sein, nicht aus dem Weg dorthin.

Kluge Raum- und Stadtplanung hat daher enormes Potential für Wohlstandssteigerungen. Können wir Siedlungsflächen so gestalten, dass Mobilitätsbedürfnisse gar nicht entstehen? Wenn Mobilitätsbedürfnisse entstehen, wie können wir sie ressourcenschonend befriedigen? Das Konzept der 15-Minuten-Stadt, die Vermeidung von Zersiedelung, Belebung der Orts- und Stadtzentren, sowie die Förderung des Fuß- und Radverkehrs wären jedenfalls gute Ansatzpunkte. Verringerung des Aufwandes für Mobilität senkt das BIP und dessen Wachstum, steigert aber unseren Wohlstand durch Vermeidung der hohen Kosten.

Ein Wachstumskonzept für das 21. Jahrhundert?

Es steht außer Frage, dass wir für das 21. Jahrhundert ein neues Konzept von Wirtschaft und Wirtschaftswachstum brauchen. Wirtschaft sollte wachsen, im Sinne einer nachhaltigen und besseren Befriedigung unserer Bedürfnisse. Genau das wird im BIP nicht abgebildet. Es gibt eine Reihe von Vorschlägen, wie das BIP an das 21. Jahrhundert angepasst werden kann, über Erweiterung durch Maße für den Kapitalstock, bis zur Inkludierung von digitalen Dienstleistungen ohne Marktpreis und Ökosystemdienstleistungen.[2] Allerdings lässt sich das komplexe System „Wirtschaft“ mit einer einzelnen Maßzahl kaum sinnvoll beschreiben, auch wenn diese besser an eine moderne Wirtschaft angepasst wäre als das BIP. Daher versuchen z.B. die Beyond GDP Initiativen von OECD und EU wirtschaftliche Entwicklung mit einer Reihe von Indikatoren umfassend abzubilden.

Modernen Wirtschaftsindikatoren zielen darauf ab, Wohlstand und Lebensqualität direkt erfassen. Zum Beispiel, indem sie Gesundheit messen statt der Gesundheitsausgaben. Die Art wie wir Dinge messen, bestimmt, wie wir darüber denken. Ob wir versuchen Produktion oder Wohlstand zu maximieren. Das veraltete Konzept des BIP ist als Entscheidungsgrundlage in einer digitalisierten, wissensbasierten und ökologischen nachhaltigen Wirtschaft nicht geeignet. Moderne Konzepte für Wirtschaft und Wirtschaftswachstum erfassen wie gut uns die Befriedigung von Bedürfnissen gelingt, und nicht, wie viel Produktionsaufwand wir dafür betreiben müssen.


Literatur:

[1] Die Innovations-Ignoranz des BIP wird vom Ökonomen Martin Feldstein gut beschrieben: Underestimating the Real Growth of GDP, Personal Income, and Productivity im Journal of Economic Perspectives: https://www.aeaweb.org/articles?id=10.1257/jep.31.2.145

[2]Die Beiträge zum Indigo-Preis bieten einen schönen Überblick über Vorschläge wie das BIP an eine moderne Wirtschaft angepasst werden kann.

Wer sich wirklich für die Geschichte des BIP und der Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung interessiert (aber wirklich nur für Nerds), dem sei die Dissertation von Benjamin Mitra-Kahn empfohlen: Redefining the Economy, einer Geschichte der Wirtschaftsstatistik seit dem 15. Jahrhundert, und A History of National Accounting von André Vanoli.